Doris Theres Hofer

*1979 in Linz,
lebt und arbeitet in Wien.

„Nothing will stop you from being creative so effectively as the fear of making a mistake“, sagt John Cleese. Also: Nur Mut zum Fehler - nicht nur in der Kunst! Doris Theres Hofer hat ihn, den unberechenbaren Unbekannten, der hinter jedem Strich lauern könnte, gar zu einem Hauptakteur ihrer Arbeiten erhoben. Sie verwendet künstlerische „Abfallprodukte“ wie Schmierpapiere, Zeichenunterlagen und Fehlversuche als Vorlagen für ihre Arbeiten und transformiert sie zu Kunst. Doch nicht, indem sie die vorgefundenen Produkte selbst zum Kunstobjekt à la objet trouvé erklärt. Nein, bevor aus dem Gefundenen ein Kunstwerk wird, durchläuft es in Hofers Händen einen wochen-, ja monatelangen Transformationsprozess. In mühevoller Detailarbeit überträgt sie nämlich die vorgefundenen Farbspritzer, Kugelschreiberkritzler, Dreckflecken und Glasränder mittels feinster Stickereien auf Stoff und adelt damit den Fehler auf subtile Weise. Subtil auch deswegen, weil die Näharbeit so fein gemacht ist, dass man erst beim zweiten oder dritten genauen Hinsehen erkennt, dass man es hier eben NICHT mit Farbspritzern, Kugelschreiberkritzlern, Dreckflecken und Glasrändern zu tun hat, sondern mit feinsten Stickereien. Vom objet trouvé aus dem Papierkorb wird in geduldiger Kleinarbeit eine quasi idente Kopie erstellt, die zugleich die Idee des Readymade ad absurdum führt: statt etwas bereits Vorhandenes ohne viel Aufhebens zum Kunstobjekt zu erklären, wird viel Zeit und Können in dessen exakte Kopie investiert, bevor es zum Kunstobjekt wird.

Attitüde (Where Have All the Colours Gone?), 2012 - 2014 


Den Fehler schon von vornherein im Bild mit einzukalkulieren, ihm bewusst gegenüberzutreten und direkt ins „Gesicht“ zu sehen, ja ihn sich gar zum Verbündeten zu machen, ist eine Möglichkeit, ihm seine Bedrohlichkeit zu nehmen und ein Weg, mit John Cleeses „Kreativitätsbremse“, der Angst, umzugehen. Andererseits wird der Fehler durch die Huldigung, die er so erfährt, zugleich auch entschuldigt: „Ich mache den Fehler wieder gut, indem ich ihn perfekt mache“ sagt Hofer – quasi: wenn schon falsch, dann richtig!

Doch es ist nicht nur das Verworfene oder Weggeworfene, das Hofer interessiert: Sie schaut überall dort hin, wo man normalerweise nicht genauer hinsieht und eröffnet damit den Blick in eine tiefe/weite Welt des Unbeachteten. Doris Theres Hofer ist die Robin Hood des Ungesehenen und Schiefgegangenen, des Übriggebliebenen und Missachteten. Sie zeigt uns die zarte Schönheit von Zu- und Abfall, vom Scheitern und Verlieren. So hat sie Viswanathan Anand, dem Verlierer der Finales der Schachweltmeisterschaft 2013, eine Werkserie gewidmet, in der sie die Spielzüge, die zu seiner Niederlage führten, mit schwarzem Zwirn zu geometrischen Bildern nachspielte. In anderen Werkserien beschäftigt sie sich damit, wie viele Möglichkeiten es gibt, einen Faden zu vernähen und systematisiert Zwirnreste zu geometrischer Kunst. Ihre aktuellste Arbeit ist eine Reihe von Stickbildern, in denen sie alle möglichen Fehlversuche, das „Haus vom Nikolaus“ (jenes bei Kindern beliebte einfache Haus, das man aus nur einem durchgehenden Strich ziehen kann) zu zeichnen, nachgestickt hat.

Where have all the Pictures gone?, Detail, 2015 - 2016 (Foto: © Thomas Ries)


Hofers Œuvre trägt mehrere Ambivalenzen in sich: Trotz der Schwere ihrer Themen strahlen die Werke eine große Leichtigkeit aus. Das Verworrene des Scheiterns, den Schmutz des Weggeworfenen und die Unordnung des Zufalls führt Hofer zu größter Ordnung, Reinheit und Klarheit. Und obwohl ihre Werke ganz aus Stoff sind, sind sie von einer Aura/Qualität des Unstofflichen umgeben. Der Fehler wird zur Ikone erhoben, das Missgeschick durch edle Stickerei geadelt. Das schnell Hingekritzelte, Ephemere stattet sie mit Können und Dauerhaftigkeit aus. Und aus dem „frechen“ Readymade wird ein zeitintensiv und kunstfertig hergestelltes Kunst(handwerks)produkt. Zwirn und Kreuzstich dienen nicht mehr der Erstellung von Blümchenmustern und Lebensweisheiten auf Polsterüberzügen, sondern werden zu Stickbildern einer neuen Art, die ihre Lebensweisheiten auf eine ganz andere, feinstofflichere Weise vermitteln.

#, 2014 (Foto: © Thomas Ries)

Aber nicht nur der Fehler sondern auch die Begriffe „Zeit“ und „Zufall“ spielen eine zentrale Rolle in Hofers Schaffen. „Gut Ding braucht Weile“ steht auf einem Zettel an ihrer Atelierwand. In der Tat bedarf Hofers Arbeitsprozess ungeheuer viel Geduld, Ausdauer, Zeit und Konzentration. Beim Sticken wird der Kopf leer, es gibt nur noch den Faden, die Nadel, den Stoff. Genau diese Langwierigkeit, diese Fokussierung und teilweise meditative Monotonie der Stickarbeit führt zum nächsten zentralen Faktor für Doris Theres Hofers kreativen Prozess, dem Zufall (Zu-Fall). Ihm bereitet Hofer durch die lange Weile, die das Sticken in Anspruch nimmt, einen fruchtbaren Boden für seine Landung. Und was ihr zufällt, das ist eine Idee, Inspiration. Wenn die Zeit reif ist, kommt sie geflogen und Doris öffnet ihr die Hand (und den Kopf), um sie zu (emp)fangen. So ergibt sich ein neues Werk meist direkt aus dem Vorangegangenen – ein Reigen aus Inspiration, Selbstüberlistung, Aufmerksamkeit, Zeit, Offenheit, Selbstreferenz und Zufall.

Stand: 2016/2018